Text des Monats

 
 
Kürzlich erschien Anne-Elisabeth Höflers Studie „Führen und Leiten in Hospizarbeit und Palliative Care“ im Mabuse-Verlag. Aus diesem Anlass möchten wir Auszüge aus einem früheren Aufsatz der Autorin zum Thema zugänglich machen. Der Text wurde ebenfalls im Mabuse-Verlag publiziert, und zwar im Band „Geschlechtersensible Hospiz- und Palliativkultur in der Altenhilfe“ (herausgegeben von Elisabeth Reitinger und Sigrid Beyer).
 
Geschlechtersensible Hospiz- und Palliativkultur in der Altenhilfe
Hrsg.: Elisabeth Reitinger
Hrsg.: Sigrid Beyer
Einbandart: Kartoniert /Broschiert
Mabuse
2010
 
Bestellnr.: 00168
29,90 EUR
lieferbar
 
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Leseprobe

 
Anne-Elisabeth Höfler
Betrachtungen zu Leitung in Hospizarbeit und Palliative Care unter Gender-Aspekten (Auszüge)
 
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Die Hospizbewegung hat als gesellschafts- und medizinkritische Reaktion auf das herrschende Versorgungssystem Mitte des vorigen Jahrhunderts in England seinen Ausgang gefunden. Die Hospizidee „to die in dignity and character“ (Saunders) hat in wenigen Jahrzehnten eine BürgerInnenbewegung ausgelöst, die mittlerweile eine globale geworden ist und das Versorgungssystem nachhaltig verändert hat. Am Anfang der Bewegung standen Frauen wie Cicely Saunders (1918–2005) und Elisabeth Kübler-Ross (1926–2004) sowie ehrenamtlich engagierte BürgerInnen. Auch in der österreichischen Hospizbewegung waren am Beginn zunächst mehrheitlich Frauen engagiert (Höfler 2001, Pleschberger 2007). Leitung war zu Beginn kein (formales) Thema. Die Leitungsfunktion hat sich im Prozess der Institutionalisierung der Hospizbewegung geklärt. Der „Erfolg“ der Hospizbewegung, der sich in der Integration dieser ins Versorgungssystem und an Institutionalisierungsprozessen äußert, wird aus Sicht von Engagierten und kritischer BeobachterInnen auch als „Verrat“ an der Hospizidee wahrgenommen: Professionalisierung auf Kosten bürgerschaftlichen Engagements. Damit einhergeht zunehmende Medikalisierung mit einer Dominanz der Medizin und einer Zurückdrängung der psychosozialen und spirituellen Dimensionen in Hospizarbeit und Palliative Care. Schließlich forcieren Ökonomisierung und Institutionalisierung eine Transformation von fürsorgenden zu entsorgenden Institutionen (Gronemeyer/Heller 2007, Dörner 2007).
Eine Konsequenz der Integration von Hospizarbeit und Palliative Care in das Versorgungssystem stellt neben der wechselseitig beobachtbaren Beeinflussung die weitgehende Übernahme von Systemlogiken durch die Einrichtungen von Palliative Care dar. Deutlich beobachtbar ist dies im Kontext Krankenhaus. Das Krankenhaus gilt als Expertenorganisation, in der die fachlichen Belange im Zentrum stehen und mehr oder weniger nach hierarchischen und bürokratischen Gesichtspunkten geführt wird. Die Befassung mit Organisationsarbeit, die zur Funktion Leitung gehört, wird als eine Zusatzarbeit verstanden. Üblicherweise ist der Arzt oder die Ärztin organisatorische/r LeiterIn für mehrere Stationen und deren MitarbeiterInnen, d. h., die einzelnen Einheiten sind um die ständisch organisierten professionellen Interessen herum gebaut (vgl. dazu Grossmann/Scala 2002). Diese Kulturen unterstützen monodisziplinäre Logiken und Entscheidungswege – ein Widerspruch zum Konzept Hospizarbeit und Palliative Care mit dem ganzheitlichen bio-psycho-sozialen Ansatz, der sich in interdisziplinär agierenden Teams konkretisiert (WHO 2002). Das Palliative Care Konzept stellt eine Abkehr vom paternalistischen medizinischen Modell dar und betont eine ressourcenorientierte und salutogenetische Betreuung – mit Ausrichtung auf den ganzen Menschen. Interdisziplinarität ist daher konzeptuell festgeschrieben. Leitung stellt in multidisziplinären Teams eine Schlüsselrolle dar; wer im interdisziplinären Diskurs die Leitung einnimmt, hängt jeweils von den Bedürfnissen der Betroffenen ab.
 
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Mehrdimensionale Analyse zur Kategorie Geschlecht von Leitung in Hospizarbeit und Palliative Care
Auf dieser Hintergrundskizze zu Beobachtungen von Leitung in Hospizarbeit und Palliative Care werden im Folgenden Zitate von Führungspersonen aus der oben erwähnten Studie der Autorin angeführt und anschließend analysiert: Eine Leiterin (Pflegeperson) berichtet von ihrer Wahrnehmung des Arztes als „Gott in Weiss“: es wird vom Umfeld nicht nur als selbstverständlich, sondern auch als wünschenswert gesehen, dass ein palliativer Dienst vom Arzt geleitet wird.
 
„Ja, ich glaube auch, ... ein Arzt, der eine Pflegekraft ernst nimmt, das wird sogar noch belohnt. Das ist doch eigentlich ganz normal. Also es wird da sicher auch noch mal gepusht. Ein Arzt der sich hinsetzt und mit dem Pflegepersonal spricht und das leitet und auf einer menschlichen Ebene den Menschen begegnet, als das normale. Aber das wird sogar noch gepusht indem (man meint) ‚sie sind so toll, sie nehmen uns so ernst‘ der wird ja noch einmal gestärkt. Das ist, das geht nicht aus unseren Köpfen, das ist das Grundkonzept. Ich glaub, das ist wirklich die Hierarchie die einfach gelebt wird und das ist mehrals nur Hospiz oder Hierarchie in einem Krankenhaus. Ich glaube dass es wirklich auch der Arzt ist, der Gott in weiß und der wird einfach in der Gesellschaft ganz anders ernst genommen. Und wenn ein Arzt äh so einen Dienst leitet und so menschlich ist, dann ist er gleich noch mal um Nummern besser. Also da ist er noch mal was Besonderes.“ (L7: 229–235)
 
Im nächsten Zitat wird die Leitung der Palliativeinheit im Krankenhaus aus der Sicht der Leitungsperson (Arzt), der sich dabei auf die Pflegemitarbeiterin beruft, als selbstverständlich an die medizinische Profession gekoppelt gesehen. Begründet wird dies damit, weil Ärzte als Leitende vom Dienstgeber und möglichen Sponsoren anders bewertet werden: sie erhalten mehr Anerkennung und ihnen wird mehr Macht und Autorität zugeschrieben.
 
„Also mit dem Bild des Leiters, mit dem beschäftige ich mich noch net so lang. Wir haben uns aber schon auch Gedanken gemacht, wo auch die Pflegemitarbeiterin zu der Auffassung gekommen ist, die ich jetzt mit ihr teile, dass am besten ist, dass (im Team ein) Mediziner leitet, ja. … Also von der Anerkennung der Gruppe.“
(L5: 491–493)
 
„Ich hab sicherlich mehr Machtin dieser Funktion. Also eine Macht nach außen. … Es wird einem hier ja dann auch eine gewisse Autorität, fachliche Autorität oder andere Autorität zugeschrieben.“ (L5: 233–234).
 
Analysiert man diese Zitate zunächst auf der Ebene der Strukturen so fällt auf, dass in beiden Aussagen dem Arzt die Funktion der Leitung selbstverständlich zugesprochen wird. Begründet wird dies mit dem relevanten Umfeld, der gewachsenen Kultur und der Anerkennung in der eigenen Gruppe. Besondere Qualifikationen werden nicht erwähnt, es reicht die Koppelung an die medizinische Profession (Arzt: „Gott in weiß“). Zur Analyse der Strukturen können aktuelle Zahlen und Daten zur Hospizarbeit und Palliative Care herangezogen werden; diese sind in Österreich jedoch weder geschlechtsspezifisch noch funktional differenziert. Die Erfahrungen im Feld lassen jedoch den Schluss zu, dass im Verhältnis zur Anzahl der Mitarbeiterinnen insgesamt5 die Leitung durch MedizinerInnen häufiger ist als durch andere Professionen. Ähnlich lassen sich auch Vermutungen anstellen, dass im Verhältnis zu den weiblichen Mitarbeiterinnen im Feld Leitung durch Männer wesentlich höher ist. Innerhalb weniger Jahrzehnte hat sich in Hospizarbeit und Palliative Care ein Wandel von der sehr stark weiblich geprägten Bewegung in den Anfängen hin zu männlicher Dominanz in Leitungspositionen in der Phase der Institutionalisierung vollzogen.
Die Ebene der Interaktionen wird von der Leitungsperson LP7 sehr deutlich angesprochen. Demnach genügt es bereits, wenn ein „Arzt die Pflegeperson ernst nimmt“, dieser „menschlich“ begegnet. Eine Begegnung auf Augenhöhe sollte nach Ansicht der Leiterin allerdings eine Selbstverständlichkeit sein und nicht extra betont werden müssen. Durch diese Betonung wird zum Ausdruck gebracht, dass Begegnungen zwischen Ärzten und Pflegepersonal auf Augenhöhe offenbar keine Selbstverständlichkeit darstellen. Im Gegenteil dazu scheint „Hierarchie“ die Regel zu sein – zumindest wird dies als immer noch wirksames Grundkonzept angeführt. Auch LA5 spricht die Macht an, die ihm aufgrund seiner Leitungstätigkeit zugeschrieben wird und ihm, weil er Mediziner ist, automatisch zugesprochen wird. Mit der Übernahme der Leitungsfunktion wird diese wegen der Profession (und an diesem Beispiel wegen seinem Geschlecht) zugeschriebene Macht noch legitimiert. Damit wird Ungleichheit in den Machtverhältnissen, in der Möglichkeit zur Einflussnahme zwischen den Berufsgruppen und Geschlechtern angesprochen.
Dass ein Mediziner, unter Verweis auf die medizinische Fachkompetenz, auf die vorherrschenden Organisationskulturen und systemrelevanten Zusammenhänge als selbstverständlich für die Leitung einer Palliativeinheit im Krankenhaus angenommen wird, ist nicht nur unter dem Gender-Aspekt bedeutsam, sondern macht auch eine „konzeptuelle Verschiebung“ des „Hospizlichen“ sichtbar. Die ursprünglich medizinkritische Haltung der Hospizbewegung wird konzeptuell (u. a.) an der Interdisziplinarität, die integralen Bestandteil für Hospizarbeit und Palliative Care darstellt, festgemacht. Die automatische Übernahme der Leitung durch eine/n MedizinerIn steht damit im Widerspruch zum Hospiz- und Palliativkonzept und macht die gelebte Dominanz der Medizin in Palliativeinrichtungen sichtbar.
Die Analyse der Aussagen der Leitungspersonen auf Symbolebene verfestigt oben ausgeführte Interpretationen. Es soll nun eine andere Leitungsperson (Arzt) zur Sprache kommen.
 
„Und das ist halt auch aus meiner Leitungssicht so, das hab ich all die Jahre gesehen, also ich nenn’s jetzt einfach jetzt net wertend, aber Pflegende in ihrer Gruppe brauchen eine Mutter((lacht)).“ (L4: 195)
 
„Bin ich der Vater? Wo ich mir immer wieder gedacht hab, es erstaunt mich, es schaut aus, dass vielVertrauen da ist. Ja. ((lacht)).“ (L4: 215–218)
 
Die Familienmetapher ist in Hospizarbeit und Palliative Care aufgrund ihrer „personenbezogenen Dienstleistungen“ durchaus gängig (Pfeffer 2005). Damit wird ein für Organisationen problematisches Grundmuster auf handelnde Personen übertragen: Die Leitungsperson repräsentiert entsprechend den Rollenerwartungen die Eltern, wobei die MitarbeiterInnen quasi als Kinder der Familie angesehen werden können. In diesem Beispiel wird die „Mutter“ als optimales Bild für die Leitung der Pflege und der „Vater“ als optimales Bild für den ärztlichen (Gesamt-)Leiter gesehen. Diese Elternmetapher unterstreicht das Bild von „weiblicher Pflege“ und „männlicher Medizin“. Pflege wird damit zur Frauensache deklariert und Medizin zur Männersache. Für die Pflege, die Frauensache, braucht es dieser Logik folgend eine weibliche Leitung – „Mutter“; für die Medizin, Männersache, eine männliche Leitung – „Vater“. Bezogen auf Leitung und Organisation ist mit diesen Metaphern besonders problematisch, dass die jeweiligen direkten und/oder indirekten Erfahrungen von Eltern/Familie sich zunächst ungefiltert auswirken. „Das heißt, die Organisationen sind mit Themen belastet, die ihren Ursprung nicht in der Organisation haben und auch nicht hier bearbeitet bzw. gelöst werden können“ (Häfele 2007, S. 73). Ein weiteres Problemfeld bedeutet die Zugehörigkeit. Während Eltern und Kinder ein lebenslanges Recht auf Zugehörigkeit zur Familie haben und auch kein formaler Austritt möglich ist, so bestehen in Organisationen Mitgliedschaften, deren Ein- und Austritte formal geregelt sind. Durch intensive persönliche und emotionale Beziehungsansprüche und durch Übernahme unangemessener Rollen wird dies überdeckt.
Zusammenfassend lassen sich am Spannungsfeld Pflege und Medizin in Hospizarbeit und Palliative Care Geschlechterverhältnisse aufzeigen. Zwar äußern sich die Differenzen auf den ersten Blick als Auseinandersetzung zwischen den beiden Professionen; doch konnten am Beispiel der Analyse von Aussagen zu Leitungsfunktionen traditionelle Interpretationsschemata und Muster beobachtet werden: Der Arzt wird, bezogen auf die Organisationskulturen, Systemlogiken und Traditionen, als Leiter einer Palliativeinheit als selbstverständlich begründet – auch wenn dies im Konzept Hospizarbeit und Palliative Care nicht vorgesehen ist. Das lässt darauf schließen, dass Organisationsstrukturen immer noch die Reproduktion von paternalistischen Verhältnissen, die durch die Hierarchisierung von Professionen geprägt sind, forcieren. In der konkreten Zusammenarbeit zwischen Pflege und Medizin wird dies an komplexen Machtverhältnissen erlebbar.
 
 
 
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