Anne-Elisabeth Höfler
Betrachtungen
zu Leitung in Hospizarbeit und Palliative
Care unter Gender-Aspekten (Auszüge)
(...)
Die
Hospizbewegung hat als gesellschafts- und medizinkritische Reaktion auf das
herrschende Versorgungssystem Mitte des vorigen Jahrhunderts in England seinen
Ausgang gefunden. Die Hospizidee „to die in dignity and character“ (Saunders)
hat in wenigen Jahrzehnten eine BürgerInnenbewegung ausgelöst, die mittlerweile
eine globale geworden ist und das Versorgungssystem nachhaltig verändert hat.
Am Anfang der Bewegung standen Frauen wie Cicely Saunders (1918–2005) und Elisabeth
Kübler-Ross (1926–2004) sowie ehrenamtlich engagierte BürgerInnen. Auch in der
österreichischen Hospizbewegung waren am Beginn zunächst mehrheitlich Frauen
engagiert (Höfler 2001, Pleschberger 2007). Leitung war zu Beginn kein
(formales) Thema. Die Leitungsfunktion hat sich im Prozess der
Institutionalisierung der Hospizbewegung geklärt. Der „Erfolg“ der
Hospizbewegung, der sich in der Integration dieser ins Versorgungssystem und an
Institutionalisierungsprozessen äußert, wird aus Sicht von Engagierten und
kritischer BeobachterInnen auch als „Verrat“ an der Hospizidee wahrgenommen:
Professionalisierung auf Kosten bürgerschaftlichen Engagements. Damit
einhergeht zunehmende Medikalisierung mit einer Dominanz der Medizin und einer
Zurückdrängung der psychosozialen und spirituellen Dimensionen in Hospizarbeit
und Palliative Care. Schließlich forcieren Ökonomisierung und
Institutionalisierung eine Transformation von fürsorgenden zu entsorgenden
Institutionen (Gronemeyer/Heller 2007, Dörner 2007).
Eine Konsequenz
der Integration von Hospizarbeit und Palliative Care in das Versorgungssystem
stellt neben der wechselseitig beobachtbaren Beeinflussung die weitgehende
Übernahme von Systemlogiken durch die Einrichtungen von Palliative Care dar.
Deutlich beobachtbar ist dies im Kontext Krankenhaus. Das Krankenhaus gilt als
Expertenorganisation, in der die fachlichen Belange im Zentrum stehen und mehr
oder weniger nach hierarchischen und bürokratischen Gesichtspunkten geführt
wird. Die Befassung mit Organisationsarbeit, die zur Funktion Leitung gehört,
wird als eine Zusatzarbeit verstanden. Üblicherweise ist der Arzt oder die
Ärztin organisatorische/r LeiterIn für mehrere Stationen und deren
MitarbeiterInnen, d. h., die einzelnen Einheiten sind um die ständisch organisierten
professionellen Interessen herum gebaut (vgl. dazu Grossmann/Scala 2002). Diese
Kulturen unterstützen monodisziplinäre Logiken und Entscheidungswege – ein
Widerspruch zum Konzept Hospizarbeit und Palliative Care mit dem ganzheitlichen
bio-psycho-sozialen Ansatz, der sich in interdisziplinär agierenden Teams
konkretisiert (WHO 2002). Das Palliative Care Konzept stellt eine Abkehr
vom paternalistischen medizinischen Modell dar und betont eine
ressourcenorientierte und salutogenetische Betreuung – mit Ausrichtung auf den
ganzen Menschen. Interdisziplinarität ist daher konzeptuell festgeschrieben.
Leitung stellt in multidisziplinären Teams eine Schlüsselrolle dar; wer im
interdisziplinären Diskurs die Leitung einnimmt, hängt jeweils von den
Bedürfnissen der Betroffenen ab.
(...)
Mehrdimensionale
Analyse zur Kategorie Geschlecht von Leitung in Hospizarbeit und Palliative
Care
Auf dieser
Hintergrundskizze zu Beobachtungen von Leitung in Hospizarbeit und Palliative
Care werden im Folgenden Zitate von Führungspersonen aus der oben erwähnten
Studie der Autorin angeführt und anschließend analysiert: Eine Leiterin
(Pflegeperson) berichtet von ihrer Wahrnehmung des Arztes als „Gott in Weiss“:
es wird vom Umfeld nicht nur als selbstverständlich, sondern auch als wünschenswert
gesehen, dass ein palliativer Dienst vom Arzt geleitet wird.
„Ja, ich glaube auch, ... ein Arzt,
der eine Pflegekraft ernst nimmt, das wird sogar noch belohnt. Das ist
doch eigentlich ganz normal. Also es wird da sicher auch noch mal
gepusht. Ein Arzt der sich hinsetzt und mit dem Pflegepersonal spricht und
das leitet und auf einer menschlichen Ebene den Menschen begegnet, als
das normale. Aber das wird sogar noch gepusht indem (man meint) ‚sie
sind so toll, sie nehmen uns so ernst‘ der wird ja noch einmal gestärkt.
Das ist, das geht nicht aus unseren Köpfen, das ist das Grundkonzept. Ich
glaub, das ist wirklich die Hierarchie die einfach gelebt wird und das ist mehrals nur Hospiz oder Hierarchie in einem Krankenhaus. Ich
glaube dass es wirklich auch der Arzt ist, der Gott in weiß und der wird
einfach in der Gesellschaft ganz anders ernst genommen. Und wenn ein Arzt äh
so einen Dienst leitet und so menschlich ist, dann ist er gleich noch
mal um Nummern besser. Also da ist er noch mal was Besonderes.“ (L7: 229–235)
Im nächsten
Zitat wird die Leitung der Palliativeinheit im Krankenhaus aus der Sicht der
Leitungsperson (Arzt), der sich dabei auf die Pflegemitarbeiterin beruft, als
selbstverständlich an die medizinische Profession gekoppelt gesehen. Begründet
wird dies damit, weil Ärzte als Leitende vom Dienstgeber und möglichen
Sponsoren anders bewertet werden: sie erhalten mehr Anerkennung und ihnen wird
mehr Macht und Autorität zugeschrieben.
„Also mit dem Bild des
Leiters, mit dem beschäftige ich mich noch net so lang. Wir haben uns aber
schon auch Gedanken gemacht, wo auch die Pflegemitarbeiterin zu der Auffassung
gekommen ist, die ich jetzt mit ihr teile, dass am besten ist, dass (im Team
ein) Mediziner leitet, ja. … Also von der Anerkennung der
Gruppe.“
(L5: 491–493)
„Ich hab sicherlich mehr Machtin dieser Funktion. Also eine Macht nach außen. … Es wird einem hier ja
dann auch eine gewisse Autorität, fachliche Autorität oder andere
Autorität zugeschrieben.“ (L5:
233–234).
Analysiert man
diese Zitate zunächst auf der Ebene der Strukturen so fällt auf, dass in beiden
Aussagen dem Arzt die Funktion der Leitung selbstverständlich zugesprochen
wird. Begründet wird dies mit dem relevanten Umfeld, der gewachsenen Kultur und
der Anerkennung in der eigenen Gruppe. Besondere Qualifikationen werden nicht
erwähnt, es reicht die Koppelung an die medizinische Profession (Arzt: „Gott in
weiß“). Zur Analyse der Strukturen können aktuelle Zahlen und Daten zur
Hospizarbeit und Palliative Care herangezogen werden; diese sind in Österreich
jedoch weder geschlechtsspezifisch noch funktional differenziert. Die
Erfahrungen im Feld lassen jedoch den Schluss zu, dass im Verhältnis zur Anzahl
der Mitarbeiterinnen insgesamt5 die Leitung durch MedizinerInnen häufiger ist als
durch andere Professionen. Ähnlich lassen sich auch Vermutungen anstellen, dass
im Verhältnis zu den weiblichen Mitarbeiterinnen im Feld Leitung durch Männer
wesentlich höher ist. Innerhalb weniger Jahrzehnte hat sich in Hospizarbeit und
Palliative Care ein Wandel von der sehr stark weiblich geprägten Bewegung in
den Anfängen hin zu männlicher Dominanz in Leitungspositionen in der Phase der
Institutionalisierung vollzogen.
Die Ebene der
Interaktionen wird von der Leitungsperson LP7 sehr deutlich angesprochen.
Demnach genügt es bereits, wenn ein „Arzt die Pflegeperson ernst nimmt“, dieser
„menschlich“ begegnet. Eine Begegnung auf Augenhöhe sollte nach Ansicht der
Leiterin allerdings eine Selbstverständlichkeit sein und nicht extra betont
werden müssen. Durch diese Betonung wird zum Ausdruck gebracht, dass
Begegnungen zwischen Ärzten und Pflegepersonal auf Augenhöhe offenbar keine
Selbstverständlichkeit darstellen. Im Gegenteil dazu scheint „Hierarchie“ die
Regel zu sein – zumindest wird dies als immer noch wirksames Grundkonzept
angeführt. Auch LA5 spricht die Macht an, die ihm aufgrund seiner
Leitungstätigkeit zugeschrieben wird und ihm, weil er Mediziner ist,
automatisch zugesprochen wird. Mit der Übernahme der Leitungsfunktion wird
diese wegen der Profession (und an diesem Beispiel wegen seinem Geschlecht)
zugeschriebene Macht noch legitimiert. Damit wird Ungleichheit in den
Machtverhältnissen, in der Möglichkeit zur Einflussnahme zwischen den
Berufsgruppen und Geschlechtern angesprochen.
Dass ein
Mediziner, unter Verweis auf die medizinische Fachkompetenz, auf die
vorherrschenden Organisationskulturen und systemrelevanten Zusammenhänge als
selbstverständlich für die Leitung einer Palliativeinheit im Krankenhaus
angenommen wird, ist nicht nur unter dem Gender-Aspekt bedeutsam, sondern macht
auch eine „konzeptuelle Verschiebung“ des „Hospizlichen“ sichtbar. Die
ursprünglich medizinkritische Haltung der Hospizbewegung wird konzeptuell (u.
a.) an der Interdisziplinarität, die integralen Bestandteil für Hospizarbeit
und Palliative Care darstellt, festgemacht. Die automatische Übernahme der
Leitung durch eine/n MedizinerIn steht damit im Widerspruch zum Hospiz- und
Palliativkonzept und macht die gelebte Dominanz der Medizin in
Palliativeinrichtungen sichtbar.
Die Analyse der
Aussagen der Leitungspersonen auf Symbolebene verfestigt oben ausgeführte
Interpretationen. Es soll nun eine andere Leitungsperson (Arzt) zur Sprache
kommen.
„Und das ist halt auch aus meiner
Leitungssicht so, das hab ich all die Jahre gesehen, also ich nenn’s jetzt
einfach jetzt net wertend, aber Pflegende in ihrer Gruppe brauchen eine Mutter((lacht)).“ (L4: 195)
„Bin ich der Vater? Wo ich
mir immer wieder gedacht hab, es erstaunt mich, es schaut aus, dass vielVertrauen da ist. Ja. ((lacht)).“ (L4: 215–218)
Die
Familienmetapher ist in Hospizarbeit und Palliative Care aufgrund ihrer
„personenbezogenen Dienstleistungen“ durchaus gängig (Pfeffer 2005). Damit wird
ein für Organisationen problematisches Grundmuster auf handelnde Personen
übertragen: Die Leitungsperson repräsentiert entsprechend den Rollenerwartungen
die Eltern, wobei die MitarbeiterInnen quasi als Kinder der Familie angesehen
werden können. In diesem Beispiel wird die „Mutter“ als optimales Bild für die
Leitung der Pflege und der „Vater“ als optimales Bild für den ärztlichen
(Gesamt-)Leiter gesehen. Diese Elternmetapher unterstreicht das Bild von
„weiblicher Pflege“ und „männlicher Medizin“. Pflege wird damit zur Frauensache
deklariert und Medizin zur Männersache. Für die Pflege, die Frauensache,
braucht es dieser Logik folgend eine weibliche Leitung – „Mutter“; für die
Medizin, Männersache, eine männliche Leitung – „Vater“. Bezogen auf Leitung und
Organisation ist mit diesen Metaphern besonders problematisch, dass die
jeweiligen direkten und/oder indirekten Erfahrungen von Eltern/Familie sich
zunächst ungefiltert auswirken. „Das heißt, die Organisationen sind mit Themen
belastet, die ihren Ursprung nicht in der Organisation haben und auch nicht
hier bearbeitet bzw. gelöst werden können“ (Häfele 2007, S. 73). Ein weiteres
Problemfeld bedeutet die Zugehörigkeit. Während Eltern und Kinder ein
lebenslanges Recht auf Zugehörigkeit zur Familie haben und auch kein formaler
Austritt möglich ist, so bestehen in Organisationen Mitgliedschaften, deren
Ein- und Austritte formal geregelt sind. Durch intensive persönliche und
emotionale Beziehungsansprüche und durch Übernahme unangemessener Rollen wird
dies überdeckt.
Zusammenfassend
lassen sich am Spannungsfeld Pflege und Medizin in Hospizarbeit und Palliative
Care Geschlechterverhältnisse aufzeigen. Zwar äußern sich die Differenzen auf
den ersten Blick als Auseinandersetzung zwischen den beiden Professionen; doch
konnten am Beispiel der Analyse von Aussagen zu Leitungsfunktionen
traditionelle Interpretationsschemata und Muster beobachtet werden: Der Arzt
wird, bezogen auf die Organisationskulturen, Systemlogiken und Traditionen, als
Leiter einer Palliativeinheit als selbstverständlich begründet – auch wenn dies
im Konzept Hospizarbeit und Palliative Care nicht vorgesehen ist. Das lässt
darauf schließen, dass Organisationsstrukturen immer noch die Reproduktion von
paternalistischen Verhältnissen, die durch die Hierarchisierung von
Professionen geprägt sind, forcieren. In der konkreten Zusammenarbeit zwischen
Pflege und Medizin wird dies an komplexen Machtverhältnissen erlebbar.